Legenden und Geschichten

Bis zur touristischen Erschliessung der Aareschlucht waren im Felsriegel des Kirchet nur drei Nebenschluchten begehbar, die "Trochene Lamm", die "Lautere Schlauche" und die "Finstere Schlauche", in welcher man etwa in der Mitte der Schlucht bis hinunter zur Aare gelangen konnte. Sonst war die Schlucht nur auf dem abenteuerlichen Wasserweg zugänglich, der wohl nur ganz selten benutzt wurde. Kein Wunder, dass um diese unbekannte Schlucht und ihre Bewohner Sagen entstunden.


Samuel Studer

Der Berner Naturforscher Samuel Studer berichtet 1814 vom Ungeheuer in der Aareschlucht:   "Von Unterseen bis auf die Grimsel und bis gegen Gadmen hin herrscht der Glaube, dass zuweilen sich eine Art von Schlange mit einem fast runden Kopf und mit kurzen Füssen sehen lasse..". Viele mündliche Überlieferungen berichten, dass diese Schlange, im Volksmund "Tatzelwurm" genannt, in der Aareschlucht lebt. So erzählte beispielsweise eine Frau aus Innertkirchen im vorletzten Jahrhundert: "Als mein Vater Haselstecken am Kirchet sammeln ging, erblickte er auf einmal einen dicken Wurm, mit gestumpften Füssen auf sich zukriechen, mit einem grossen Maul, spitzigen Zähnen und fürchterlich dreinblickenden Augen". Als das Ungeheuer noch pfeifende Laute von sich gab, entfloh er in hellem Entsetzen nach Hause.


Johann Wolfgang von Goethe

besuchte die Aareschlucht im Herbst 1779 anlässlich seiner Reise ins Berner Oberland. Er stieg vom Lammi durch den 'Finsteren Schlüüchen' hinab bis zur Aare. Seine Eindrücke beschreibt er sehr malerisch in der Schilderung 'Unbeschreibliche Tage'.



J. Rudolf Wyss

schreibt im Bericht Reise ins Berner Oberland 1817: Nach ungefähr 200 Schritten durch die Dämmerung der schauerlichen Gruft kömmt man einigermassen wieder ins Freye, und betritt ein Plätzchen, das beiläufig 20 Schritte breit zwischen den seitwärts um etwas gewichenen Felsenmauern aufgethan ist. Vor dir wälzt sich die graugrüne Aar, und scheint der Acheron an den Pforten des Orcus zu sein; du weisst nicht woher sie kömmt; du weisst nicht wohin sie geht. ..... Mit ermüdendem Nacken erhebst du dein Antlitz, siehst einen schmalen Strich des Himmels, siehst zwei unermessliche Flühe, siehst erquickt ein paar begrünte Absätze, die den schauerlich einförmigen Anblick um ein kleines mildern und beleben. Kaum wird irgendjemand die finstere Schlauche ganz unbefriedigt verlassen. Was sind alle Ruinen menschlicher Bauwerke, gegen diese Überbleibsel einer uralten Gestaltung aus den Händen der gewaltigen Natur! Schauerliches Ahnen einer undenklichen Vergangenheit mischt sich zu dem Gefühle von Tod und Zerstörung in diesem nackten Geklip, das vielfachen Einsturz droht. Man trennt sich von der düsteren Unterwelt mit der Vorempfindung des Auferstehens aus einem Grabe. Die Umgebung in welche man auf dem Rücken des Kirchet wiederkehrt, sind ein milder freundlicher Übergang in das Gebiet des Lebens. ....



Josef Viktor Widmann

Spaziergänge in den Alpen - 1890

"... und dann kam das freundliche Guttannen und von hier die interessante Bergstrasse hinab nach Innertkirchen. Um nach Meiringen zu gelangen, machte ich den kleinen Umweg durch die Finsteraareschlucht, die ich an jenem Sonntag Abend zum ersten mal betrat. Sie verdient ihre Berühmtheit. .... Bemerkenswert ist die unendliche Abwechslung, indem zuweilen der Fluss etwas ruhiger dahingleitet und die breitere Öffnung der Felsen das Sonnenlicht auf ihn fallen lässt, während dann wieder Stellen kommen, wo das Wasser durch die engste Rinne dahin schiesst und die Felsen auch über dem künstlichen Wege so nah zusammengetreten sind, dass tiefe Dämmerung uns einhüllt und man sich bücken muss, um unter dem Gestein vorwärts zu kommen. Gegen den Ausgang der Schlucht zeigt sich in der Felswand gegenüber dem schwebenden, bretternen Weg in mässiger Höhe eine Art Nische oder Grotte von eirunder Form, ein Raum, wie geschaffen um darin plastisch ein Wesen anzubringen, welches die Finsteraareschlucht versinnbildlichen würde. Ich denke, dass es so ein recht abenteuerliches Getier sein müsste, ein wunderlicher "Tatzelwurm", wie man die sagenhaften Drachen des Gebirges nennt. Aber ein rechter Meister müsste dazu die Zeichnung entwerfen, nachdem er an Ort und Stelle den Eindruck erhalten hätte. ...

Trochenne Lamm
Die 'Trochene Lamm'
Stich um 1820
Tatzelwurm
Der Tatzelwurm
Berliner Illustrierte 1936
Holzschnitt
Holzschnitt Kleine Enge
um 1900
Tram-Plakat
Aareschlucht
Plakat der Trambahn 1924
Bild Brügger
Aareschlucht, Ölbild
Arnold Brügger um 1920